Montag, 12. März 2012

Antwort auf Caro's Posts

Ich habe mich gerade in Rage geschrieben und kann das Geschriebene leider so nicht posten. Deshalb meine Antwort auf Caro's Posts hier. 

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DISCLAIMER: Ich äußere meine Meinung zu dem Film und der Kampagne, kritisiere aber niemanden direkt, der an die Sache glaubt. BTW:In meiner Rage habe ich nicht so auf R&G geachtet, man möge es mir verzeihen. DISCLAIMER ENDE.

Danke fürs Zeigen. Ich hab das Filmchen gestern gesehen und mir auch so meine Meinung dazu gemacht, jedoch nicht ganz so zynisch wie der liebe Ken hier.

Angefangen bei dem konstanten Drücken auf die Tränendrüse und dem plakativen Benutzen eines Kindes ("Gavin") über sogenannte Kony-Kits bis hin zu der Tatsache, dass die uns jeden beliebigen Onkel als Joseph Kony verkaufen könnten, ergibt sich für mich eine krass angelegte Marketingstrategie, welche sich Hollywoodtaktiken zu Nutze macht, um Emotionen und Spendenbereitschaft zu bewirken. Auch ich saß da und hab an der ein oder anderen Stelle ne Träne verdrückt, widerwillig, aber ohne das zurückhalten zu können. Wie manipulativ muss ein Tatsachenbericht sein?

Dann die Sache mit Jacob, welcher als eine Randfigur in seiner eigenen Geschichte dargestellt wurde. Er brauchte einen großherzigen, weißen Amerikaner. Wozu? Warum stellt sich der Macher so in den Mittelpunkt einer scheinbar gemeinnützigen Sache? Warum nicht nur die Geschichte Jacobs (ausführlicher) erzählen, die war doch erschütternd genug? Warum wird nicht erzählt, dass er heute Jura studiert, ganz so wie er es wollte? Meine Meinung: Dann würde er ja nicht mehr so hilflos und bedürftig wirken. 

Überhaupt, tarnt sich hier nicht die nächste Mission Amerikas als Weltgendarm? So nach dem Motto: Schaut her, wir helfen, ganz uneigennützig. Selbst ich als Amerikanistin bin da sehr skeptisch. Denn wer wird sich im Falle einer Verhaftung Konys den "Sieg" auf die Fahne schreiben?! Mein erster Gedanke war, ganz ehrlich gesagt, folgender: "Das ist ja alles traurig und Hilfe ist notwendig, aber habt ihr in eurem eigenen Land keine Probleme, die ihr erstmal anpacken müsst? Sind bei euch alle Kinder sicher vor (systematischem) Missbrauch? Wenn ich etwas ändern will, fange ich doch erstmal bei mir an?! Oder hab ich was verpasst und die sich verschärfenden, sozialen Missstände in den USA sind mein Hirngespinst, enstanden aus kommunistischer, anti-imperialistischer Erziehung in der ehemaligen DDR?!" Wem nützt dieser Propagandafilm? Was sind die wirklichen Ziele der Macher? Spiele für das Volk, welches sich angesichts der offenkundigen Wertlosigkeit des einzelnen Lebens immer machtloser fühlt?

EDIT: Here that rant ran away with me. Sorry. Es ist das klassische "I've got carried away"-Syndrom
[Welche Städte/Länder haben denn so ein Invisible Children Team? Sidney hab ich gesehen, New York, London. Großartig: Allesamt haben koloniale Vergangenheit; die USA und die Native Americans sind ein krasser Fall von Genozid, fangen wir gar nicht erst mit dem Sugar Triangle, Sklaverei und Jim Crow an, Aborigines mussten weit bis ins 20. Jahrhundert unter systematischer Unterdrückung leiden und haben immernoch mit Diskriminierung zu kämpfen, und Großbritannien und seine grausame Eroberung und Unterdrückung der Einheimischen in Afrika, Asien und sonstwo auf der Welt muss ich wohl kaum erwähnen. Ich liebe englischsprachige Länder, ich studiere das ja nicht umsonst, aber man muss auch mal kritisch mit der Vergangenheit und den immernoch real existierenden Missständen umgehen.]

Ein weiteres Problem war das Gleichstellen Konys mit Hitler. Wann dringt es eigentlich zu dem letzten Deppen durch, dass niemanden durch die Relativierung des Holocaust geholfen ist?! Kony = Hitler? No way. Sollte wohl eine Metapher für das personifizierte Böse sein, aber meines Erachtens ging das völlig daneben, auch wenn Gutmenschen da gerne mit "beide töten unschuldige Menschen" ankommen. Das ist mir natürlich klar. Wir sollen Kony hassen. Doch auch wenn er verabscheuenswürdig ist, was bringt diese Fixierung auf eine Person? Er macht das alles nicht alleine, oder?! Das System, welches solche Charaktere hervorbringt, ist wie Ken so schön sagt, zu kritisieren und zu ändern.

Damit wären wir bei noch einem Punkt, der einfach mal unter den Tisch fallen gelassen wird: Für diese Festnahme werden wiederum Kindersoldaten sterben, und zwar nicht wenige. Und nicht nur die, die mit dieser Gehirnwäsche aus Gewalt und Verrohung aufgewachsen und heute vermutlich keine Kinder mehr sind. 

Merkt man, dass ich in Rage bin? Sorry, aber einen Kritikpunkt habe ich noch. Dieses typische "Jetzt kann ich Gutes tun"-Gehabe der westlichen Welt (denn es ist immernoch diese, die gut ans Internet und an den Film rankommt). Bin ich prominent, halte ich mein Gesicht in die Kamera und tu traurig, bin ich es nicht, geb ich ein wenig Geld, kauf mir ein Kit und ein T-Shirt und fühl mich sofort besser. Ich hab ja Gutes getan. Mit so einem geringen Aufwand, dass ich nebenher noch meiner Freundin auf Facebook 5000 xe hinterlassen, den neuesten Klatsch und Tratsch auf ner Promiseite nachlesen und mir die Zehennägel schneiden kann. Hallo? Ich sags immer wieder: Das ist Heuchlerei [das richtige Wort ist wohl Heuchelei... ups]. In spätestens zwei Wochen ist der Mist vergessen. Ich zweifle daran, dass diese Nachtaktion im April passieren wird. Und selbst wenn: Was bringt das, außer enorme Kosten für Stadtreinigungen auf der ganzen Welt?! Gemeinschaftsgefühl, weil wir alle zusammen etwas erreichen können, indem wir Straßenzüge tapezieren? Aber was genau erreichen wir denn, mit der Festnahme eines von Millionen von Bösewichten? Auch wenn der weg ist, nutzen genau diese Millionen most evil persons genau dieselben Netzwerke, um Menschen zu quälen.

Tut mir leid, dass ich hier so viel ablasse, aber das musste raus. Ich bin jemand, der gerne hilft und sich auch gerne für alles Mögliche einsetzt, aber das sind mir einfach zu viele Punkte, die mich stutzig machen.

Liebe Grüße
Wombattante

Kommentare:

  1. hui, da ist wirklich jemand in Rage ;)

    Ich hab das Video geschaut, war berührt von der Geschichte der Kinder und doch irgendwie verwirrt... verwirrt was für eine Riesenkampagne da gestartet wurde, verwirrt über diese groß angelegt und professionelle Video... ich habe genau gespürt, dass das Video den Zweck verfolgt, die Menschen dazu zu bringen es zu verbreiten und sich der Sache anzuschließen, sich eben berührt zu fühlen, um helfen zu wollen.
    An sich finde ich es ja toll, dass sie so viel "bewegen" können und wollen.
    Ich habe es auf meinem Blog gezeigt, weil die Idee durch die verbreitung des Videos etwas zu bewirken fand ich gut. Ich habe wenig dazu gesagt, weil ich mir selbst nicht sicher war, was ich wirklich davon halten sollte und schon die ersten kritikpunkte zu entdecken waren. Daher dann auch der Post mit dem zweiten "video" - harter Kritik.

    Ich finde die Aktion prinzipiell nicht schlecht, die Menschen aufzuscheuchen und durch das Verbreiten des Videos der Informationen Aufmerksamkeit zu erregen, aber einer meiner ersten Gedanken war auch - warum Kony? Warum jetzt? Es gibt so viel Leid...
    Aber es macht es uns natürlich einfach, einfach zu "helfen" und sich "gut zu fühlen", weil man das Video teilt... das ist genau das was du schreibst - Heuchelei...

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  2. Im Nachhinein hab ich mich über meine Rage ein bisschen erschreckt. Ehrlich gesagt teile ich ja auch die Meinung, dass es etwas Gutes ist, auf solche krassen Missstände aufmerksam zu machen. Im Idealfall arbeiten Menschen verschiedenster Herkunft zusammen für eine gemeinnützige Sache, einfach um die Welt besser zu machen.

    Aber es gibt halt so viele Fragezeichen, was dieses Projekt angeht. Würde nicht so geschickt auf der Klaviatur der menschlichen Gefühle gespielt, wäre ich wahrscheinlich weniger skeptisch. Die Vorgänge, die Tatsache, dass es Kindersoldaten und allgemein Menschen, die in ständiger Angst vor Gewalt und Missbrauch leben müssen, gibt, reichen meiner Meinung nach aus, um Mitgefühl zu erzeugen. Aber nur Mitgefühl reicht den Machern und Initiatoren von Invisible Children halt nicht. Sie wollen beweisen, dass Menschen "weltweit" etwas bewegen können, dass Demokratie real existiert, indem das Volk bestimmt, was wichtig ist. (Ob Demokratie als Regierungsform für jeden Erdenbürger das nonplusultra darstellt, sei mal dahin gestellt)

    Die Energie ist schon gut, die da mobilisiert wird, aber es bleibt halt ein fader Beigeschmack. Kony gehört, ohne Zweifel, bestraft. Wenn er am Anfang einer Reihe von Verbrechern steht, welche vom "Volk" Einhalt geboten bekommen, umso besser. ABER wo gehen die Spendengelder hin? Warum wird die nicht-demokratische Regierung Ugandas unterstützt (passt doch irgendwie gar nicht zum Primärziel, oder?)? Was passiert mit Kony, wenn er wirklich gefunden wird? etc. pp.

    Zu viele Fragen.

    Liebe Grüße
    Caro

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  3. hey, ich hab das auch gar nicht gegen mich verstanden... schließlich darf auch jeder seine Meinung dazu haben :)

    Und wie ich ja schon geschrieben habe, ich gebe dir Recht, da sind zu viele Fragen offen...

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  4. Ja, das Kony Video hab ich auch gesehen, aber nur ein bisschen. Was ich auch gleich ein bisschen fragwürdig fand war der Sohn. Da wird ein Kind "benutz", irgendwie nicht ok.

    Es gibt auch genügend Blogposts gegen das Video, weil die Organisation nicht durchsichtig genug ist. Da fließen Geld wohin, wo sie nicht hingehören.

    Prinizipell ist es ja eherenwert, wenn man auf Misstände aufmerksam macht. Ich wußte davon jetzt so nichts. (Kindersoldaten in Afrika ist ja nichts neues, aber direkt die Ecke kannte ich so nicht.)

    Ich hoffe irgendwie, dass die Leute kritisch denken und nicht nur klick machen. Aber das ist halt immer noch am Einfachsten. Ich halt mich aber lieber davon fern.

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  5. hey, danke für die Gedankenanstöße zu diesem Video! Ich hatte es auch gesehen und mich nicht ganz wohl dabei gefühlt. Jedoch denke ich auch, dass einige deiner Kritikpunkte nicht ganz fair sind. Ja, da ist ein amerikanischer Filmemacher, der sich und seine Idee (mit Hilfe von emotionalisierten Bildern und traurigen Kinderaugen) celebriert. Aber zu sagen, dass man sich erst um Probleme im eigenen Land kümmern muss, bevor man wo anders aktiv wird, sehe ich leider anders. Und wenn man nun noch die Sklaverei und die koloniale Vergangenheit vorwirft, müssen wir uns auch weiter alle als Nazis fühlen? Ich weiß sicher was du meinst und will dich auch auf keinen Fall angreifen! Ich finde nur die Idee der Kampagne, neue Wege zu gehen um Aufmerksamkeit auf einen Krisenherd zu lenken interessant und bin gespannt ob sich daraus etwas ergibt.

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  6. Vielen Dank für deinen Kommentar!
    Ich muss dir, was meine Fairness angeht, recht geben: Ich hab mich sehr über einige Sachen aufgeregt und bin vom hundertsten ins tausendste gekommen. Sowas machen rants mit mir.

    Was das Aufarbeiten der Vergangenheit angeht, denke ich, haben viele Länder (auch Deutschland) noch Nachholbedarf. Es wäre trotzdem engstirnig und eindimensional von mir, ein Land nur anhand seiner Bewältigung vergangener Probleme zu beurteilen. Fakt ist jedoch, dass in den ach so fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften diskriminiert und unterdrückt, dass die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird... und auch dagegen kann man etwas tun. Im Video wurde es so dargestellt, dass in Amerika jedes Kind die Chance auf ein Leben ohne Bedrohung und Gewalt hat, und das man deshalb den Kindern in Uganda etwas ähnliches ermöglichen wolle. Für mich ist das zu Schwarz-Weiß, zu vereinfacht gedacht.

    Ich finde es auch wichtig, auf Missstände und katastrophale Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, bin hier aber irgendwie unfähig das wie etwas dargestellt wird von dem für welchen guten Zweck es gedacht ist zu trennen. Das Video ging absolut nicht spurlos an mir vorüber und so soll das ja auch sein, aber die Tatsache, dass da bewusst manipulativ gearbeitet wurde, obwohl die Fakten an sich schon erschütternd genug sind... Ich weiß nicht.

    Anyways, danke für die Denkanstöße!

    Liebe Grüße
    Caro

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