Samstag, 18. Februar 2012

Sophie and I

Seit einigen Wochen, und für manche auch Monaten, ist Sophie Lancaster vielen in der Schminkgemeinde ein Begriff. Illamasqua vertreibt einen Kajal names S.O.P.H.I.E. in schwarz, welcher umgerechnet etwas mehr als 15 € kostet.  Hier der dazugehörige Werbetext:

Be whoever you want to be, and celebrate your right to individuality with this Medium Pencil in black, named in honour of Sophie. £3 from every purchase will go to the Sophie Lancaster Foundation. (Zitat Illamasqua )

Zusätzlich gibt es noch den gerade sehr weit verbreiteten Cut-Crease-Look (so-called Sophie-I), der auch im Zusammenhang mit Sophie Lancaster beworben wird. Es gibt sogar eine Blogparade bei Honey and Milk.

Natürlich ist es großartig, dass verschiedene Leute, die das schreckliche Verbrechen damals nicht mitbekommen haben, darauf aufmerksam gemacht werden. Hier wurden Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Subkultur zu Tode geprügelt bzw. schwer verletzt.  Gegen diese Intoleranz muss im alltäglichen Leben, aber auch in der Politik etc. gekämpft werden. Dennoch habe ich ein Problem mit der Tatsache, dass man konsumieren muss, um zu helfen. Die Aktion von Illamasqua hat mich in Grundzügen an Bono von U2 und seine Chucks erinnert... damals designte er tolle Treter für Converse mit deren Erlös Menschen in Dritte Welt-Ländern unterstützt werden sollten. Es ist ja auch so herrlich einfach: Man kauft etwas für einen guten Zweck. Man trägt sein politisches Statement an den Füßen oder auf den Augen. 

Das passt genau in das Weihnachts-Spendenmarathon-Schema. Gebt im Dezember Geld, dann habt ihr für den Rest des kommenden Jahres Ruhe. So einfach ist das aber meiner Meinung nach nicht, ehrlich gesagt ist es eher verlogen. Meines Erachtens sind Geldspenden hauptsächlich dazu da, um "unser" Gewissen zu beruhigen. 

"Ich hab ja was für eine gute Sache getan."
"Ich bin ein guter Mensch, ich hab gespendet."

Klar ist das besser als gar nichts tun und nur für sich selbst zu leben, aber trotzdem: Ist das nicht zu simpel?! Die Anderen in unserer Gesellschaft, die Armen, die Menschen mit Behinderungen, die Homosexuellen, die "bewusst ein anderes Aussehen an den Tag"- legenden,  um zum Beispiel von Sophie Lancaster zurück zu kommen, die werden immernoch ausgegrenzt. Da spenden Leute Unsummen für Hungernde in Afrika (die das auch bitter nötig haben), sehen aber angewidert weg, wenn ein Obdachloser um einen Euro bittet. 

Ich könnte mich jedes Mal aufregen, wenn ein Gruftie oder Goth im Fernsehen als Antithese zum normalen Teenager gemacht wird. Mädchen, die nun einmal nur Schwarz tragen möchten, werden in pinke Kleidchen gesteckt (nein, ich überspitze nicht, das habe ich schon mehrmals so gesehen) und dann gefragt, ob sie sich so nicht wohler fühlen. Hallo? Wildfremden Menschen auf der Straße werden  Vorher-Nachher-Bilder gezeigt und oft wird das Filmmaterial so "geschickt" geschnitten, als ob alle, wirklich alle, den Gruftielook als gruselig und den Otto-Normal-Look als schön bezeichnen würden. 

Wem fällt da was auf? Die Medien erschaffen das Bild des abstoßenden Gruftie und schieben nach Tragödien wie der von Sophie Lancaster und Robert  Maltby einen Betroffenheitsbericht hinterher.  Hypocrisy, anyone? 
Und wieviele, die Geld für den Kajal S.O.P.H.I.E. ausgeben, setzen sich im Alltag für Toleranz ein, für das was dahinter steht, nämlich Stamp Out Prejudice Hatred Intolerance Everywhere? Alles nur leere Worte? Lasst mich gar nicht erst anfangen mit diesem mickrigen Beitrag von nur 3 Pfund, der an die Sophie Lancaster Foundation geht... 

Ich bin weiß Gott nicht vorurteilsfrei, ich kämpfe im Alltag oft mit eben diesen und versuche, so gut wie es geht, jeden Menschen gleich freundlich zu behandeln. Ich denke, wenn alle ein wenig acht auf die Menschen in ihrer Umgebung geben würden, wäre schon Vielen geholfen. Nicht jeder muss sich krass ehrenamtlich engagieren (macht aber Spass, ohne Witz!), aber zumindest mit offenen Augen durch die Welt gehen und helfen, wo es geht, einer älteren Dame den Sitzplatz in der Bahn anbieten, anderen Menschen die Tür aufhalten, Zivilcourage zeigen, wenn Menschen angepöbelt, bedroht oder geschlagen werden... und wenn es nur darauf hinaus läuft, die Polizei zu rufen, dazu ist wirklich jeder in der Lage. Geld und Konsum sind da zweitrangig.

Darüber denke ich schon eine ganze Weile nach, deshalb musste das mal raus.

Habt einen schönen Samstag!

Liebe Grüße
Wombattante


1 Kommentar:

  1. Ach Caro, du hast ja so recht. Aber einfach ist das auch nicht immer. Gab es doch letztens die Story vom Opa, der jemanden helfen wollte. Am Ende hat er eine Anklage bekommen und es zieht sich ewig hin. Sein Schlußkommentar: Ich werd keinem mehr helfen, das ist zu anstrengend.
    So sehen es leider viele Leute, denn es könnte ja eine Anzeige nach sich ziehen, ich könnte verletzt werden, es könnte das und das passieren. Da ist wegschauen einfacher.

    Aber ich bin voll und ganz deiner Meinung. Wenn nur ein paar mehr Leute mal den Mund aufmachen würden oder zum Telefon greifen würden, dann wäre der Welt schon geholfen.

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